
Wenn mein Mann wieder einmal länger beruflich unterwegs ist, bringt er mir manchmal einen Brief mit, in dem seine Gedanken zum Ausdruck bringt. Diese Briefe bedeuten mir viel und ich hebe sie mir auf. In seinem letzten Brief schrieb er mir viele wundervolle Dinge, aber was mich vor allem beschäftigte war, dass er mich in diesem Brief bat ihm in Zukunft doch bitte genauer zu sagen, was ich von ihm erwarte.
Meine Erwartungen, – das ist wirklich ein Hammerthema. Er äußert diese Bitte übrigens nicht zum ersten Mal. Ich habe festgestellt, dass es zum einen ein Frauenthema ist. Viele Frauen gehen davon aus, dass ihr Partner ohne Mühe erraten kann, was sie erwarten. Bei mir ist das Ganze vielleicht noch etwas schlimmer, denn bei mit kommt noch eine gewisse Prägung dazu.
Ich habe eine Erziehung genossen, die in manchen Bereichen etwas speziell war. Ein hoher Leitsatz in unserer Familie, der mir oft entgegengebrüllt wurde war: „Du musst sehen, was der andere braucht! Sehen! Muss man dir denn alles erst sagen??“
Es ging also darum, dass ich übermässige Antennen entwickeln sollte, was jemand benötigt, was jemand braucht, was jemandem gut tun könnte. Und zwar ohne dass jemand auch nur ein Wort sagt. Das wurde in meiner Familie regelrecht trainiert. Zum Beispiel sollten wir mit Opa gemeinsam in der Werkstatt arbeiten. Darunter verstand man in meiner Familie: ich stand daneben. Sah zu, was Opa machte. Irgendwann streckte Opa die Hand aus und ich musste wissen, was er für ein Werkzeug brauchte. Legte ich das falsche Werkzeug in die ausgestreckte Hand, gab es gehörig Ärger und ich zog mir seinen Unmut zu, was ich natürlich um jeden Preis vermeiden sollte. So war das „gemeinsame Arbeiten“ zumindest von meiner Seite aus eine sehr angespannte und ungemütliche Angelegenheit. Die Generation vor mir berichtete sogar davon, dass die „falschen“ Werkzeuge quer durch die Werkstatt flogen.
Viele Menschen hatten im Laufe unseres Heranwachsens Erwartungen an uns. Ob es Eltern, Lehrer, Erzieher oder Klassenkameraden waren. Wie wurden diese Erwartungen kommuniziert?
Ich erinnere mich daran, dass ich nach dem Mittagessen mit dem Fahrrad die Gegend erkunden wollte. Die Jungs waren schon alle draußen und ich sagte: „Tschüß Oma!“ Meine Oma saß an ihrem Abwaschtisch und wusch das Geschirr. Sie sagte: „Tschüß, mein Junge.“
Ich machte blitzschnell kehrt und schnappte mir ein Handtuch um das Geschirr abzutrocknen. Ich hörte ihre unausgesprochene Erwartung: „Als Mädchen hilfst du bei der Küchenarbeit und wenn die Jungs dreimal draußen rumtollen!“
Ein Mädchen hilft eben bei der Hausarbeit, nicht wahr?!
Unsere Familie war ziemlich gut darin Erwartungen zu verpacken oder unterschwellig zu kommunizieren oder eben gar nicht.
Erwartungen über Erwartungen in unserem Leben und die prägen uns. Und was noch tückischer ist: die prägen auch wieder unsere Erwartungen, die wir an andere haben. Und oft sind wir uns dessen nicht einmal bewusst. Mir fiel nämlich auf, dass meine eigene Erziehung dazu führt, dass ich dasselbe auch von anderen erwarte. Ich habe diesen Leitsatz: „Du musst sehen, was der andere braucht! Sehen!“, nie jemandem entgegengeschrien und auch nicht bewusst weitergegeben. Aber unbewusst geschah es doch.
In den Wochen, die dem besagten Brief meines Mannes vorausgegangen waren, war bei uns ziemlich viel Stress. Die beiden Jüngsten hatten sich eine Virusgrippe eingefangen und benötigten ziemlich viel an Pflege. Der ältere der beiden brauchte sogar 2x Infusionen um wieder auf die Beine zu kommen. All geschah an den Tagen im Jahr, an denen sich der traumatische Tod meines Vaters jährte und ich sowieso immer recht angespannt bin.
Und so fielen wir beide in unsere alten Muster zurück. Ich rotierte um allem und jedem gerecht zu werden – dank meines Trainings kann ich tatsächlich gut sehen, was Jemand braucht, manchmal sogar bevor derjenige es selber weiß. Gleichzeitig erwartete ich von meinem Mann dasselbe und entsprechende Unterstützung. Er besah sich die Situation sachlich von außen und sah keine Notwendigkeit einzugreifen. Ich hatte doch alles im Griff und äußerte auch keine Wünsche. Und in mir wuchs die Enttäuschung über die unerfüllten Erwartungen.
Woher kommen denn unsere Erwartungen? Ich denke daher, dass wir dieselben Prägungen bei anderen voraussetzen, die wir auch haben. Mein Mann ist aber ganz anders groß geworden. Er kann das tatsächlich nicht sehen. Wenn ich ihm sage, was ich brauche, verhält er sich meist tatsächlich sehr kooperativ, er ist hilfsbereit und liebevoll. Aber ich muss es ihm sagen. Und das will ich oftmals gar nicht. Ich denke, wenn ich es ihm erst sagen muss, dann hat seine Hilfe nicht den gleichen Wert. Dann ist es in meinen Augen vielleicht auch nicht mehr so freiwillig.
Wenn uns solch ein Verhalten bewusst wird, erschrecken wir vielleicht darüber, wieviel unreifes und auch unlogisches Verhalten in uns steckt. Aber es ist uns meist nicht bewusst. Das läuft alles im Hintergrund ab.
Ich stieß letztens auf einen Bibelvers, der mir hier im wahrsten Sinne des Wortes die „Leviten las“.
Denn es geht um die Arbeitsanweisungen für die Leviten. Die Leviten waren ein Stamm Israels. Ihr Stammvater hieß Levi. Sie hatten eine ganz besondere Funktion innerhalb des Volkes. Sie waren für das Heiligtum zuständig, sie waren die Schnittstelle zwischen Gott und ihren Mitmenschen. Entsprechend groß war ihre Verantwortung. Und da gibt es keine unausgesprochenen Erwartungen sondern detaillierte Anweisungen, was jeder zu tun und zu lassen hat. Es geht um ihre Kleidung, ihren Lebenswandel, ihr Essen und natürlich ihre Arbeit.
In 4. Mose 4, 49 lesen wir dann abschließend:
„Unter Moses Aufsicht erfuhr jeder Einzelne genau, was er zu tun hatte und was er tragen sollte. So hatte der HERR es Mose befohlen.“
Wow. Jeder kannte seinen Platz genau. Jeder bekam genau gesagt, was er tun und tragen sollte. Gott stellt sich nicht hin und sagt:
„Also ihr müsst schon wissen und sehen, was ich möchte.“ Nein, sondern Gott teilt klipp und klar seine Erwartungen mit. Er gibt Mose Anweisungen, was er sagen soll und möchte, dass auch bei den Leviten, die ihm dienen keine Unklarheit herrscht.
Habe ich überhaupt das Recht auf Erwartungen, die ich nicht ausspreche? Mir scheint, als ob das nicht der Fall ist.
Würden wir einen Gott, der nicht sagt, was er möchte und dann straft, wenn es nicht läuft, nicht auch total unfair finden? Ich frage mich in den letzten Tagen wirklich, warum ich das bei mir so lange toleriert habe. Wie um Himmels Willen kommen Menschen auf die Idee, dass sie das Recht haben stumme Erwartungen zu hegen und andere Menschen ihnen die Wünsche von den Augen ablesen? Zugegeben, wenn es passiert, dann ist es toll! Aber das ist dann ein wunderbares Geschenk und nichts, aus dem wir einen Anspruch ableiten sollten. Ich kann sie leider nicht mehr fragen, aber mir brennt es auf der Seele meine Vorfahren zu fragen, was sie sich dabei gedacht haben!
Nun kämpfe ich mit meinen Prägungen und Erwartungen. Ich habe eine Tochter und drei Söhne und es gab durchaus schon Situationen, wo die alten Gedankenprägungen hochkamen, die mir gesagt wurden:
„Du als Mädchen müsstest doch sehen, dass…..“ Ist es nicht komisch, dass wir diese Sätze als Kinder vielleicht schon unfair und dumm fanden und sie uns doch so sehr prägen und wir Jahre später dann dasselbe erwarten?
Wir kämpfen mit diesen Sätzen also mindestens zweimal: einmal, wenn sie uns gesagt werden und dann, wenn sie in uns aufsteigen und auf andere Menschen abzielen.
Und damit ist es sicher nicht getan. Ich werde ganz bestimmt noch einige Male damit kämpfen. Aber ich WERDE darum kämpfen, dass es mir gelingt meine Wünsche, Bedürfnisse und Erwartungen in einer guten und angemessenen Weise zu kommunizieren. Ohne zu schmollen und zu erwarten. Und ich weiß, welche Überwindung es mich kosten wird. Es wird sich manchmal demütigend anfühlen meinen Mann zu bitten, anstatt einfach zu erwarten. Aber wohin haben mich diese Erwartungen gebracht? Und uns? es war doch unserer Ehe nicht zuträglich.
Interessant fand ich, dass auch der Apostel Jakobus schon darüber schreibt.
Er schreibt: „Was verursacht die Kriege und Streitigkeiten unter euch? Sind es nicht die vielen Begierden, die in euch kämpfen? 2 Ihr begehrt und habt nichts;“ Jakobus 4
Ziemlich treffend, nicht wahr? Für Begierden kann man auch Wünsche einsetzen – oder eben Erwartungen. Ich begehre und habe nichts. Und warum?
Auch hier gibt der Apostel Jakobus eine absolut passende Antwort:
„Doch euch fehlt das, was ihr so gerne wollt, weil ihr Gott nicht darum bittet.“ Jakobus 4, 2
Wir gehen also nicht nur mit unseren Mitmenschen, sondern auch mit Gott so um. Wir sagen ihm oft nicht das, was uns auf der Seele brennt und sind dann sauer auf ihn, weil er uns nicht hilft. Ist es nicht so?
Viele Menschen beschweren sich doch über den Zustand unserer Welt: „Wo ist da Gott??“ Aber haben sie ihn gebeten?
Reden wir doch über das, was wir uns wünschen. Reden wir miteinander und mit Gott! Ich bin gespannt, was sich verändert. Vielleicht wird unser Leben etwas leichter und es gibt weniger Streit!
Ich möchte meine Prägungen ablegen und bitten lernen, reden über das, was ich brauche und mir wünsche. ich möchte die Prägung ablegen, dass es schlimm ist, wenn man es sagen muss, was man möchte. Denn Gott zeigt mir, dass er es nicht schlimm findet. Gott selbst sagt uns, was er möchte und bittet in seinem Wort sogar so oft darum. Dann ist doch auch für mich ein gutes Verhalten und es lohnt sich sicher das einzuüben.
Schreib mir gerne in die Kommentare, was du mit Erwartungen erlebst und wie du damit umgehst. Ich wünsche dir alles Liebe!